Erste Sprache & Biosemiotik
Garnet Dupuis
7. März 2020 • Geändert am 9. August 2021
Die grundlegende Botschaft
Die zentrale Prämisse dieses Artikels ist, dass lebende Organismen sich offenbar nach einer zugrunde liegenden Organisationsschablone entwickeln. Anstatt nur durch isolierte mechanische Prozesse zusammengebaut zu werden, folgen lebende Systeme möglicherweise einem biologischen Bauplan, der es "Codemachern" ermöglicht, Codes, Konventionen und bedeutungsvolle Signale auf jeder Ebene des Lebens zu erzeugen.
Aus dieser Perspektive bewahren die sensorische erste Sprache des Lichts und des Klangs, die motorische zweite Sprache der Bewegung und die kognitive dritte Sprache der Ideation alle dieselben fundamentalen Organisationsprinzipien, die in den frühesten Lebensstadien existieren.
Organische Codes → Sensorische Codes → Motorische Codes → Kognitive Codes
Über die Erste Sprache
Die Erste Sprache besagt, dass, weil jeder lebende Organismus auf demselben Planeten unter gemeinsamen Umweltbedingungen evolvierte, alles Leben auch eine gemeinsame grundlegende Kommunikationsform entwickelte.
William James bezeichnete ein verwandtes Prinzip als Homöomorphismus und deutete an, dass ähnliche Organisationsmuster in lebenden Systemen immer wieder auftreten.
Die Erste Sprache besagt, dass diese früheste Kommunikation hauptsächlich über zwei physikalische Formen erfolgt:
- Elektromagnetische Strahlung (Licht)
- Mechanische Vibration (Schall)
Im Verlauf der Evolution erweitern sich diese sensorischen Interaktionen zu Bewegung und schließlich zu höherer Kognition. Anstatt sich gegenseitig zu ersetzen, koexistieren alle drei Sprachen weiterhin in komplexen Organismen.
Einführung in die Biosemiotik
Die Biosemiotik ist ein aufstrebendes Feld, das das Leben durch die Brille der Kommunikation, der Bedeutung und der biologischen Codierung betrachtet. Anstatt Organismen rein als biochemische Maschinen zu sehen, geht die Biosemiotik davon aus, dass lebende Systeme kontinuierlich bedeutungsvolle Zeichen erzeugen und interpretieren.
Ihre Befürworter beschreiben die Biosemiotik als einen völlig neuen Ansatz zum Verständnis des Lebens, der mehrere langjährige Annahmen der traditionellen Biologie in Frage stellt.
Die Grundlagen der Biosemiotik
Auf ihrer einfachsten Ebene untersucht die Biosemiotik, wie lebende Systeme Folgendes verwenden:
- Zeichen
- Codes
- Bedeutung
- Kommunikation
Während die moderne Biologie die genetische Codierung in der DNA anerkennt, argumentiert die Biosemiotik, dass der genetische Code nur das erste von vielen biologischen Codierungssystemen ist, die das Leben geprägt haben.
Anstatt sich ausschließlich auf das Kopieren genetischer Informationen zu verlassen, entwickeln sich lebende Organismen auch durch Codierungsprozesse, die bedeutungsvolle Beziehungen in der gesamten Biologie herstellen.
Die Hauptziele der Biosemiotik
Laut dem Artikel zielt die Biosemiotik darauf ab zu zeigen, dass:
- Die lebende Zelle im Grunde ein semiotisches System ist.
- Der genetische Code ein echter biologischer Code ist und keine einfache molekulare Ansammlung.
- Die Evolution sowohl die natürliche Selektion als auch natürliche Konventionen beinhaltet.
- Organische Codes für viele große evolutionäre Innovationen verantwortlich sind.
Drei Herausforderungen für die konventionelle Biologie
Der Artikel skizziert drei wichtige Konzepte innerhalb der zeitgenössischen Biologie, die die Biosemiotik in Frage stellt.
1. Das Computermodell
Die traditionelle Biologie vergleicht die Zelle oft mit einem Computer, wobei Gene als Software und Proteine als Hardware fungieren. Die Biosemiotik argumentiert, dass lebende Systeme ihre eigene Codierung intern generieren, anstatt sich auf extern programmierte Anweisungen zu verlassen.
2. Physikalismus
Der Physikalismus geht davon aus, dass alle biologischen Prozesse letztlich vollständig durch physikalische Mechanismen erklärt werden können. Aus dieser Perspektive werden Konzepte wie Zeichen, Codes und Bedeutungen als praktische Metaphern und nicht als echte biologische Realitäten betrachtet.
3. Allein die natürliche Selektion
Die konventionelle Evolutionstheorie schreibt biologische Neuheiten im Allgemeinen ausschließlich der natürlichen Selektion zu. Die Biosemiotik schlägt vor, dass auch natürliche Konventionen und biologische Codierung zum evolutionären Wandel beitragen.
Verständnis von Zeichen, Bedeutungen und Codes
Das Wort "Semiotik" stammt vom griechischen Wort semeion ab, was Zeichen bedeutet.
Jedes Zeichen weist über sich selbst hinaus. Ein Zeichen funktioniert nur, weil es Bedeutung trägt, und Bedeutung existiert, weil es Regeln gibt, die die beiden verbinden.
Diese Regeln werden als Codes bezeichnet.
Ein Code liefert die vereinbarte Konvention, die Zeichen konsistent mit ihren Bedeutungen verbindet und eine zuverlässige Kommunikation trotz wechselnder Umstände ermöglicht.
Zeichen → Bedeutung → Code
Die Rolle des Code-Machers
Die Biosemiotik erweitert diese Beziehung noch weiter, indem sie ein viertes wesentliches Element einführt: den Codemaker.
Ein Codemaker ist nicht unbedingt eine Person oder ein physisches Objekt, sondern der Prozess, der die Regeln generiert, die Zeichen und Bedeutungen verbinden.
Dadurch entsteht das vollständige semiotische System:
- Zeichen
- Bedeutung
- Code
- Codemaker
Zusammen bilden diese vier Komponenten die Grundlage der biologischen Kommunikation.
Von Energie zu Information
Die Entdeckung der DNA verwandelte die Biologie von einer primär energiebasierten Wissenschaft in eine informationsbasierte Wissenschaft. Die Proteinsynthese zeigte, dass biologische Prozesse die Übertragung organisierter Informationen und nicht nur Energie beinhalten.
Obwohl viele Wissenschaftler biologische Informationen akzeptieren, bleibt die Debatte darüber, ob Information, Codierung und Bedeutung echte biologische Realitäten oder lediglich nützliche Metaphern darstellen.
Biosemiotik in der menschlichen Sprache
Die menschliche Sprache ist ein bekanntes Beispiel für ein vollständiges semiotisches System.
| Element | Beispiel |
|---|---|
| Zeichen | Wörter oder Schriftsymbole |
| Bedeutungen | Mit diesen Wörtern verbundene Ideen |
| Codes | Grammatik und Sprachregeln |
| Codemacher | Die Sprachgemeinschaft, die diese Regeln entwickelt und aufrechterhält |
Der Artikel legt nahe, dass biologische Systeme nach bemerkenswert ähnlichen Prinzipien funktionieren könnten, was die Möglichkeit aufwirft, dass organische Kommunikation strukturelle Ähnlichkeiten mit der menschlichen Sprache aufweist.
Performative und symbolische Signale
Im Rahmen der Ersten Sprache funktionieren nicht alle Zeichen auf dieselbe Weise. Der Artikel unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Kategorien der Kommunikation.
Performative Signale
Performative Signale verkörpern ihre eigene Bedeutung. Ihre Wirkung ist unmittelbar, da die Erfahrung selbst die Botschaft ist. Zum Beispiel ruft die Farbe Blau durch ihre intrinsischen Eigenschaften und nicht durch gelernte Interpretation eine bestimmte Erfahrung hervor.
Symbolische Signale
Symbolische Signale erhalten ihre Bedeutung durch soziale Übereinkunft oder Konvention. Wörter, Schriftsprache und viele kulturelle Symbole kommunizieren, weil Gemeinschaften ihnen kollektiv Bedeutung zuweisen.
Diese Unterscheidung entspricht den klassischen Kategorien von Augustinus:
- Natürliche Zeichen (Signa Naturalia)
- Konventionelle Zeichen (Signa Data)
Natürliche Zeichen besitzen eine direkte Beziehung zwischen Signal und Bedeutung, während konventionelle Zeichen von vereinbarten Regeln abhängen.
Information als Veränderung
Der Artikel argumentiert, dass Information nicht als statisches Objekt verstanden werden sollte. Stattdessen ist Information grundlegend dynamisch.
Anlehnend an Gregory Batesons Arbeit wird Information beschrieben als:
- "Ein Unterschied, der einen Unterschied macht."
- "Nachricht über Veränderung."
Anstatt unabhängig zu existieren, entsteht Information durch Beziehungen und Prozesse, die bedeutungsvolle Unterschiede schaffen.
Organische Bedeutung
Die Biosemiotik schlägt vor, dass Bedeutung nicht nur im menschlichen Denken, sondern auch in der gesamten biologischen Organisation existiert.
Ein bekanntes Beispiel ist der Morsecode, bei dem Muster aus Punkten und Strichen gemäß vereinbarter Regeln Buchstaben entsprechen. Ähnlich enthält die DNA Codons, die gemäß biologischer Codierungskonventionen spezifischen Aminosäuren entsprechen.
Der Artikel legt daher nahe, dass die biologische Codierung eine echte organische Bedeutung enthält, anstatt lediglich als Metapher zu fungieren.
Operative Definitionen
Das in dem Artikel zusammengefasste Biosemiotische Manifest schlägt mehrere Arbeitsdefinitionen vor:
- Sequenzen, die während Kopiervorgängen verwendet werden, stellen organische Informationen dar.
- Sequenzen, die während Codierungsprozessen verwendet werden, fungieren als organische Zeichen oder Signale.
- Durch Codierung erzeugte Produkte werden zu organischen Bedeutungen.
- Informationen, Zeichen und Bedeutungen stellen eine eigenständige Klasse natürlicher Entitäten dar.
- Diese Entitäten sind objektiv und reproduzierbar, obwohl sie keine konventionellen physikalischen Größen sind.
- Sie verdienen die gleiche wissenschaftliche Betrachtung wie andere grundlegende biologische Phänomene.
Teilen Kultur und Natur die gleichen Codes?
Der Artikel untersucht, ob die menschliche Kultur die gleichen Organisationsprinzipien widerspiegeln könnte, die in der gesamten Biologie zu finden sind.
Sprache, Grammatik, Gesetze, Rituale, Mythen und religiöse Traditionen könnten nicht nur kulturelle Erfindungen sein, sondern strukturelle Ähnlichkeiten mit tieferen biologischen Codierungssystemen aufweisen.
Anstatt unabhängig zu existieren, könnten mentale Codes aus fundamentaleren organischen Codes entstanden sein.
„Junk-DNA“ neu überdenken
Nur ein kleiner Prozentsatz der menschlichen DNA kodiert direkt für Proteine. Historisch wurde ein Großteil der restlichen DNA als "Junk-DNA" bezeichnet, da ihre Funktion nicht verstanden wurde.
Der Artikel hinterfragt, ob ein so großer Teil des Genoms wirklich funktionslos ist, und schlägt stattdessen vor, dass er wichtige Kommunikations- und Organisationsaufgaben erfüllen könnte.
DNA als biologisches Kommunikationssystem
Unter Bezugnahme auf die Biophotonenforschung und die Arbeiten des russischen Biophysikers Pjotr Garjajev erörtert der Artikel die Möglichkeit, dass die DNA mehr als ein molekulares Speichersystem ist.
Aus dieser Perspektive könnte die DNA funktionieren als:
- Ein resonanter harmonischer Oszillator.
- Eine Quelle von Biophotonen.
- Ein Empfänger und Sender von Informationen.
- Eine fraktale Antenne, die zur gleichzeitigen Kommunikation fähig ist.
Der Artikel weist auch auf Vorschläge hin, dass die Codierungsmuster der DNA strukturelle Ähnlichkeiten mit der menschlichen Sprache aufweisen könnten, einschließlich Grammatik, Syntax und Semantik.
Homöomorphismus neu betrachtet
Zurückkommend auf William James' Konzept des Homöomorphismus, schlägt der Artikel vor, dass eine gemeinsame Organisationsvorlage in allen lebenden Systemen existieren könnte.
Diese Vorlage ermöglicht es den Codemachern, Codes zu etablieren, die Zeichen konsistent mit Bedeutungen über jede Ebene der biologischen Organisation hinweg verbinden.
Organische Codes → Sensorische Codes → Motorische Codes → Kognitive Codes
In diesem Rahmen baut jede aufeinanderfolgende Sprache auf früheren Formen auf, ohne sie zu ersetzen, und schafft so Kontinuität von primitiver biologischer Kommunikation zu höherer Kognition.
Mögliche Implikationen
Wenn gemeinsame biologische Codierung in allen lebenden Systemen existiert, schlägt der Artikel mehrere mögliche Implikationen vor:
- Die Licht- und Schall-Signale der Ersten Sprache könnten das Potenzial haben, auf DNA-Ebene zu kommunizieren.
- Bewegung und motorische Aktivität könnten über dieselben zugrunde liegenden Codierungssysteme kommunizieren.
- Gesprochene und geschriebene Sprache könnte die biologische Kommunikation über die bewusste Kognition hinaus beeinflussen.
- Mantras und Gebete könnten mit zugrunde liegenden organischen Kommunikationssystemen interagieren.
- Traditionelle Heilpraktiken könnten bedeutungsvolle biologische Signalgebung beinhalten und nicht nur symbolische Aktivitäten.
- Bewegungspraktiken wie Rituale und Tanz könnten mehrere Ebenen der biologischen Organisation gleichzeitig beeinflussen.
Fazit
Der Artikel stellt die Biosemiotik als komplementären Rahmen zum Verständnis der Ersten Sprache dar, indem er das Leben als organisiertes Netzwerk von Zeichen, Bedeutungen, Codes und Codemachern betrachtet. In dieser Perspektive geht die Kommunikation über die gesprochene Sprache oder das bewusste Denken hinaus und könnte in der gesamten biologischen Organisation lebender Systeme wirken.
Von den frühesten sensorischen Interaktionen von Licht und Schall über Bewegung und höhere Kognition werden die Erste, Zweite und Dritte Sprache als kontinuierliche Ausdrucksformen eines gemeinsamen Organisationsprinzips dargestellt. Anstatt als isolierte biologische Mechanismen zu fungieren, werden lebende Organismen als dynamische Systeme beschrieben, deren Kommunikation, Anpassung und Entwicklung durch gemeinsame Muster bedeutungsvoller Informationen entstehen.